Vertiefungstexte aus dem Fokus

Seit 2021 erscheint die Hauszeitung «Fokus» in der neuen Form. Sie finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zur entsprechenden Ausgabe.

Fokus 2021-2

Dr. med. Gudrun Jäger, Leitende Ärztin Intensivmedizin/Neonatologie

Einblicke in die humanitäre Arbeit am Beispiel von Sierra Leone

Seit 2016 bin ich mehrfach nach Sierra Leone gereist; ein kleines Land in Westafrika, welches eher durch negative Meldungen in den Nachrichten bekannt ist. Das Land hat bis 2001 einen 10-jährigen, grausamen Bürgerkrieg durchgemacht und wurde 2014 bis 2016 stark von einer Ebola Epidemie betroffen, die die Menschen nachhaltig traumatisiert hat. Zudem ist es eines der Länder weltweit mit einer sehr hohen Mütter- und Kindersterblichkeit sowie einem niedrigen Entwicklungsindex. Ich bin durch die Organisation German Doctors, mit der ich erstmals 1995 in einem medizinischen Einsatz tätig war, nach Sierra Leone gekommen. In den letzten fünf Jahren habe ich das Land mehrfach mit verschiedenen Aufgaben bereist, von denen ich im Folgenden berichten möchte.

Der grösste Anteil der Tätigkeit vor Ort ist sicher die Arbeit für die German Doctors bzw. für die 2018 von mir und einigen Kolleginnen und Kollegen gegründete Partner Organisation Swiss Doctors. Diese beiden Organisationen unterstützen finanziell und durch ehrenamtliche Tätigkeit von Ärzten ein abgelegenes Spital im Süden des Landes, in Serabu. Dieses Dorf hat ca. 5'000 Einwohner, der Einzugsbereich des Spitals umfasst aber ca. 70'000 Menschen. Obwohl das Serabu Community Hospital schon in den 50er Jahren gegründet wurde, war es nie selbstständig und immer abhängig von externer Finanzierung. Ein wesentlicher Aspekt der medizinischen Arbeit vor Ort ist die Behandlung der Kinder und schwangeren Frauen; dies aufgrund der hohen Sterblichkeit in diesen vulnerablen Gruppen. Ausserdem ist in den letzten zehn Jahren der Punkt der Ausbildung sehr in Vordergrund getreten. In Sierra Leone gibt es bei einer Bevölkerung von gut sieben Mio. Einwohnern lediglich ca. 200 Ärztinnen und Ärzte, die überwiegend im Grossraum der Hauptstadt Freetown tätig sind oder im adminstrativen Sektor. Somit war es auch essentiell, die in Serabu Hospital tätigen Community-Health-Officers (von Ihrer Ausbildung her eine Zwischenstellung zwischen Pflegefachperson und Ärzten) und Pflegefachpersonen zu schulen und auszubilden. In den letzten Jahren gelang dies sehr erfolgreich, so dass einige erfahrene Health-Worker inzwischen sehr erfahren sind und – zum Beispiel auch während der Corona bedingten Abwesenheit der europäischen Ärzte während des letzten Jahres – in der Lage sind, die Basisversorgung aufrecht zu erhalten. Dies beinhaltet im Wesentlichen die Versorgung der schwangeren Frauen, Durchführung einer von Fachpersonen begleiteten Geburt und – falls notwendig – Durchführung von Kaiserschnitten. In der Kinderabteilung ist ein hoher Prozentsatz der Kinder an Malaria erkrankt, einer Infektionskrankheit, die insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern zu schweren Verläufen führen kann und für die hohe Sterblichkeit verantwortlich ist. Daneben gibt es viele Atemwegsinfektionen, Haut- Abzesse und weitere Infektionskrankheiten. Im Bereich der Neugeborenen Medizin, die aufgrund der hohen Sterblichkeit (gut 40% der sogenannten «unter fünf Jahren Sterblichkeit» ) eine besondere Aufmerksamkeit erfordert, sind Frühgeburt, Infektionen und schwere Anpassungsstörungen die Haupterkrankungen. In dem Bereich der Neugeborenen Versorgung im Serabu Hospital ist Swiss Doctors auch in der Gruppe der Humanitären Neonatologie der schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie vertreten. Besonders erfreulich war der Gewinn des humanitären Preises 2021 und die Ehrung für das Engagement vor Ort (www.neonet.ch) . Das Preisgeld ist für weitere Therapien und Unterstützung dieser Abteilung geplant.

Neben der medizinischen Arbeit und Unterstützung verschiedener Projekte in Asien und Afrika (Indien, Bangladesh, Philippinen, Kenia und Sierra Leone) beinhaltet die Förderung auch verschiedene Partnerprojekte in den jeweiligen Ländern. Dies ist sinnvoll, da die alleinige Versorgung im medizinischen Bereich nicht ausreichend ist, sondern auch die Förderung von Bildung, Zugang zu Wasser, Hygiene etc. wesentlich sind im Sinne einer strukturellen Veränderung. So gehören zu den Partnerprojekten der Swiss Doctors einige Schulprojekte und in Sierra Leone eine gegen weibliche Genitalverstümmelung tätige lokale Organisation, Commit and Act. Diese Organisation konnte ich Ende 2020 und dieses Jahr besuchen und mir einen Einblick in die Tätigkeit verschaffen. Das umfassende Konzept von Aufklärungsarbeit, Anreize schaffen für die Eltern, damit Ihre Töchter nicht beschnitten werden und Unterstützung der Communities und auch der traditionellen Beschneiderinnen (in Sierra Leone «Sowei» genannt) hat mich sehr beeindruckt. Diese grausame Praktik kann nur auf dem Hintergrund der langjährigen Tradition verstanden werden und benötigt umfassende und auf vielen Ebenen ansetzendes Engagement lokaler Organisationen.

Die positiven Auswirkungen von Ausbildung und Schulung haben mich nicht nur im Serabu Hospital überzeugt. Die Stärkung der lokalen Kräfte und Ausbildung der Menschen ist sicher der Weg, der Länder wie Sierra Leone weiter bringen kann und langfristig dazu führen könnte, dass die Menschen auch in ihrer Heimat Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten haben. So bin ich seit einigen Jahren involviert in Planungen für den Aufbau eines nationalen Ausbildungsprogramms für die Community Health worker im Bereich der Kinderheilkunde. Dieses Projekt läuft zusammen mit zwei weiteren humanitären Organisationen und der Regierung von Sierra Leone; ein längerer Prozess mit vielen Treffen und Konferenzen, der hoffentlich zum Erfolg führen wird. Bis es soweit ist, engagiere ich mich mit anderen europäischen Kinderärzten in einem von der WHO initierten Programm mit der Durchführung von praktischen Kursen in Kindernotfall Situationen (ETAT Kurse), eine ähnliche Kurstätigkeit, wie ich es auch in der Schweiz durchführe, aber in einem anderen Setting und mit anderen Schwerpunkten. Dadurch lerne ich auch andere Spitäler im Land kennen und kann mit Kollegen aus der Global Child Health Gesellschaft Kurse abhalten. Die Schulungen an die sehr motivierten Mitarbeiter ist sehr bereichernd und macht Spass.

Eine andere Art der Weiterbildung und Schulung lernte ich im Februar kennen: in der Hauptstadt Freetown soll am grössten Kinderspital des Landes zukünftig eine Facharzt-ausbildung für zukünftige Kinderärzte angeboten werden. Ein ambitiöser Plan in einem Land, indem es bisher praktisch keine Facharztausbildungen gibt und ein erheblicher Anteil der Ärztinnen und Ärzte durch Wegzug ins Ausland verloren geht. Meine Aufgabe bestand in einer Ausbildungsfunktion, zum einen auf der Intensiv Abteilung, zum anderen in den regelmässigen Vorlesungen und Kursen für die Ärzte. Auch in diesem grössten Spital für Kinder (mit 200 Betten) gibt es grosse Herausforderungen betreffend Verfügbarkeit von Medikamenten, Material und qualifiziertem Personal. Für uns gängige Therapien wie Beatmung, Kreislaufunterstützung und Organersatzverfahren sind im ganzen Land nicht möglich für erkrankte Kinder. Dieser Mangel und die fehlenden Möglichkeiten, mit für uns geläufigen Therapien medizinische Hilfe zu leisten, ist manchmal schwer zu ertragen.

Was nehme ich mit von meinen Aufenthalten in Sierra Leone: viele neue Eindrücke, Begegnungen mit Menschen, die trotz grosser Herausforderungen im Alltag nicht verzweifeln und dennoch oft fröhlich sind, lachende Kinder, die sich immer gerne fotografieren lassen und viel Freude an den Bildern haben; und eine grosse Wertschätzung dessen, was ich zu Hause habe sowie die Hoffnung, dass ich mit Ausbildung und Kursen den Menschen etwas Nachhaltiges bieten kann.

Für mehr Info zu den Projekten und über die Swiss Doctors: www.swiss-doctors.org

Fotos des Serabu Hospitals inkl. Notfallraum und Neugeborenen-Abteilung

Fotos von Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen aber auch von den Trainings und der Fröhlichkeit der Menschen.

Dr. med. Christian Henkel, Leitender Arzt Psychosomatik/-therapie & Dr. med. Bjarte Rogdo, Leitender Arzt Intensivmedizin/Neonatologie

Das komplette Interview

Seit Kurzem werden im OKS sogenannte M&M-Konferenzen Durchgeführt. Es benötigt Zeit, eine offene Fehlerkultur zu führen, doch der Grundstein ist gelegt. Die wichtigsten Antworten finden sie im Interview mit Christian Henkel (CH) und Bjarte Rogdo (BR).

Was sind M&M-Konferenzen?

CH & BR: M&M bedeutet Morbiditäts- und Mortalitätskonferenz, auch M&M oder MoMo genannt – nicht zu verwechseln mit den leckeren Schokolinsen oder dem bekannten Kinder- und Jugendbuch. 
Im Rahmen von Qualitätsmanagement und Patientensicherheit schaut man retrospektiv unerwünschte Ereignisse genau an, um daraus zu lernen, dh. Abläufe und Fertigkeiten zu verbessern. Und die Konferenzen sind ausdrücklich interdisziplinär angelegt.   

Was ist das Ziel von M&M-Konferenzen?
CH & BR: Aus Fehlern lernen und Wiederholungen in zukünftigen Behandlungen, Operationen usw. zu vermeiden. Ausserdem sind sie Trägerin einer Kultur der Leitung, welche durch Respekt und Wertschätzung gekennzeichnet ist.

Worin unterscheiden sie sich von anderen Sitzungsgefässen?
CH & BR: Im Vergleich zu klassischen prospektiven Fallbesprechungen muss der Behandlungsverlauf nicht im Detail dargestellt werden. Es wird auf den wahrscheinlichen Fehlern oder, anders ausgedrückt, auf das «sharp end» einer Handlungskette mit unerwünschtem Ausgang fokussiert. Im Vergleich zur Fallbesprechung ist M&M so weit wie möglich anonym. Im Vergleich zum «critical incident reporting system» (CIRS) sind die Konferenzen nachgelagert und die Diskussion des unerwünschten Ereignisses wird im Plenum geführt, wobei potenziell jede Berufsgruppe, die von dem Ereignis betroffen war, daran teilnehmen kann. 

Wie kam es zur Idee einer M&M-Konferenz am OKS?
BR: An allen Kliniken, an denen ich bisher gearbeitet habe, sowohl in Norwegen und Australien als auch in der Schweiz – mit dem OKS als einzige Ausnahme – waren M&M-Konferenzen ein fester Bestandteil des Qualitätsmanagements. Vor über 20 Jahren wurden sie zwar nicht M&M-Konferenzen genannt, aber bereits damals ging es um das Grundprinzip, dass man Fehler (inklusive Systemfehler), thematisiert und analysiert, um diese in der Zukunft zu verhindern.

Ich habe schon seit meinem Wiedereintritt ins OKS im 2010 dafür plädiert, dass wir M&M-Konferenzen einführen müssen, bin teils aber auf erheblichen Widerstand gestossen («wir können schon über Fehler reden, aber sicher nicht mit den Pflegefachpersonen…»). Wir haben seit einigen Jahren auf der Intensivstation inoffizielle und informelle M&Ms gemacht, sinnvoll sind diese aber nur, wenn sie auf den gesamten Betrieb ausgeweitet werden (inklusive Administration – auch hier kann es Systemfehler geben, die Patientinnen und Patienten gefährden).

Was genau passiert dort?
CH & BR: Der Ablauf der Konferenz ist standardisiert und wird durch einen Moderator oder eine Moderatorin geleitet. Wir richten uns nach dem M&M-Leitfaden der Stiftung für Patientensicherheit. Nach einer kurzen Vorstellung von Inhalt und Stellenwert der Konferenzen durch eine Leitungsperson (Chefarzt oder Pflegeleitung), Hinweisen auf Vertraulichkeit und Vermittlung von Werten und Arbeitskultur am OKS, beginnt eine kurz gehaltene Fallvorstellung. Anschliessend folgt durch den Vortragenden und einen zuvor bestimmten Mentor eine Voranalyse des unerwünschten Ereignisses. Der anschliessende Hauptteil dient der Diskussion im Plenum. Anschliessend werden die wichtigsten Schlussfolgerungen auf einer Folie sowie potentielle Massnahmen festgehalten. Nach der Konferenz entscheiden Moderator, ggf. Mentor, die jeweils betroffene ärztliche und pflegerische Abteilungsleitung, ggf. ein Chefarzt und die Leiterin Qualitätsmanagement über die Konkretisierung der Massnahme. 

CH & BR: M&M-Konferenzen werden in Form eines Beschlussprotokolls dokumentiert (Sharepoint). Schlussfolgerungen und Massnahmen werden nach Absprache den betroffenen Stationen, Abteilungen, Fachbereichen usw. zugestellt. Alle Teilnehmenden sind aufgefordert, mit Hilfe eines ausliegenden Evaluationsbogens M&M Konferenzen kritisch zu bewerten. Wo und wie letzteres einfliesst und kommuniziert wird, ist nicht abschliessend entschieden.

Warum braucht es im OKS M&M-Konferenzen?
BR: In einer Kinderklinik wie dem OKS gehören M&M-Konferenzen einfach dazu – sonst ist man schlichtweg «nicht dabei». Auch der Standard 22 vom SanaCert® verlangt M&Ms als ein wichtiger Pfeiler in der Betreuung von Patientinnen und Patienten. Persönlich finde ich die Rolle der M&M-Konferenzen als Kulturträger einer Klinik sehr wichtig: Wir machen alle Fehler und wir sind in der Lage über diese miteinander zu reden und daraus zu lernen, unabhängig von der Hierarchiestufe. Dabei marginalisiert man auch, dass über Fehler hinter dem Rücken von Involvierten geredet wird. 

Meine Hoffnung ist auch, dass M&Ms die Risikoerhöhung für Patientinnen und Patienten durch die Ökonomisierung der Medizin beleuchten können. Zunehmend geht es Politikern und Spitalverwaltungen darum, das Einkommen zu erhöhen und Ausgaben zu senken ohne Rücksicht auf die Patientensicherheit. Sie ist teuer und eng verknüpft mit genügend gut ausgebildetem Personal. Hier sehe ich potenziell grosse Herausforderungen, um unsere Patientinnen und Patienten auch in Zukunft umfassend betreuen zu können.

CH: Ich habe als Assistenzarzt in der Pädiatrie erlebt wie belastend es sein kann, Teil eines fehlerhaften Ablaufs gewesen zu sein, u.U. mit fatalen Folgen, und dann damit alleine zu bleiben, ohne Austausch mit Vorgesetzten und konstruktiver Aufarbeitung. Ich bin davon überzeugt, dass M&M-Konferenzen nicht nur zukünftige Fehler vermeiden helfen, sondern auch zu einer angstfreien, und wertschätzenden Atmosphäre beitragen können, was sich wiederum auf Motivation und Qualität unserer Arbeit auswirkt.

Gibt es Daten, die zeigen, dass sich in Kinderspitälern mit M&M-Konferenzen die Abläufe verbessern?
CH & BR: In den letzten 20 Jahren resultierte Einiges an Literatur; einerseits zur Verbesserung der Konferenzen und der Kommunikation selbst, andererseits betreffend Qualität der Behandlungen. Einschränkend ist zu sagen, dass unerwünschte Ereignisse etwas Seltenes sind und Messungen des Wiederauftretens an sich eher unwahrscheinlich sind. Von daher fokussieren Studien zu diesem Thema grösstenteils auf die Verbesserung der Qualitätsarbeit sowie der Zusammenarbeitskultur von Institutionen. 

Im Vorfeld der Erarbeitung des Schweizer Leitfadens M&M fand eine nationale Befragung von über 100 Chefärztinnen und Chefärzten der Schweiz statt, welche sich durch die Einführung dieser Konferenzen in ihrer eigenen Institution organisatorische und auch fachliche Lernziele, wie z. B. eine verbesserte Zusammenarbeit, versprachen. 

Wer entscheidet, welche Fälle dort besprochen werden?
CH & BR: Mögliche Fälle werden einem Fallauswahl- und Organisationsteam gemeldet. Die Organisation übernehmen bislang Bjarte Rogdo oder Christian Henkel. Dem Fallauswahlteam gehören Mitarbeitende aus den Bereichen Pflege, Chirurgie, Kinder- und Jugendmedizin einschliesslich Assistenzärzten an. Die Fallauswahl richtet sich nach den Kriterien des Schweizer Leitfadens:  Liegt ein unerwünschtes Ergebnis vor? Handelt es sich um ein potenziell vermeidbares Ereignis bzw. einen vermeidbaren Fehler? Besteht ein möglichst grosses Lernpotenzial? 

Wer darf teilnehmen?
CH & BR: Potenziell können alle am Ereignis direkt oder indirekt beteiligten Berufsgruppen teilnehmen. Direkt Beteiligte werden gezielt eingeladen. Das, was in der Konferenz diskutiert wird, unterliegt der Schweigepflicht ausserhalb des Konferenzraumes. 

Ist es möglich, dass Eltern dabei sind?
CH & BR: Es ist nicht üblich, betroffene Patientinnen und Patienten bzw. Familien zu diesen Konferenzen einzuladen, aber es ist auch nicht ausgeschlossen. Die Organisatoren haben beschlossen, vorläufig ohne Patienten bzw. Eltern Konferenzen abzuhalten. Aktuell sind wir der Meinung, dass zunächst eine gewisse Standardisierung Fuss fassen und die Kultur der Kommunikation verbessert werden soll, bevor z. B. Eltern daran teilnehmen. Nicht ausgeschlossen ist, Eltern bzw. Familien über geplante oder stattgefundene M&M-Konferenzen zu informieren, ohne Inhalte daraus preiszugeben. M&M-Konferenzen sind nicht Teil der Krankengeschichte. 

 

Literaturverzeichnis
Quality improvement focused morbidity and mortality rounds: An integrative review from Kayla P. Churchill et al..  Cureus 2020 open access.
www.patientensicherheit.ch/morbiditaets-und-mortalitaetskonferenzen

Fokus 2021-1

Mirjam Wirthgen, Pflegefachfrau HF / Kindernotfallpraxis 

Vor 10 Jahren wurde die Kindernotfallpraxis (KNP) als Kooperation zwischen dem OKS und den umliegenden Praxispädiatern ins Leben gerufen. Das Spektrum der Krankheitsbilder in der Kindernotfallpraxis ist breit. Dazu gehören Kinder mit Fieber, Säuglinge mit Bauchweh, Hautausschläge jeglicher Farbe und Form, Schnupfen, Husten, kleine Rissquetschwunden.

Das Einzugsgebiet ist riesig. Aus der Bodenseeregion, aus dem Rheintal, dem Toggenburg, dem Appenzellerland, dem Fürstentum Lichtenstein, dem Fürstenland und sogar vom Obersee finden die besorgten Eltern den Weg in die Kindernotfallpraxis. Unter der Nummer 0900 144 100 gehen sämtliche Anrufer, die eine Beratung zur Dringlichkeit eines Arztbesuches wünschen, ein. Die Kindernotfallpraxis ist der Interdisziplinären Kindernotfallstation des Ostschweizer Kinderspitals angegliedert und arbeitet eng mit derselben zusammen.

Über 50 erfahrene Kinderärztinnen und -ärzte aus dem Einzugsgebiet behandeln die kleinen und grossen Patientinnen und Patienten kompetent und zeitnah.

«Melden Sie sich bei der Giraffe», so werden die Eltern mit den Patientinnen und Patienten angewiesen, den Weg in die Kindernotfallpraxis zu finden. In drei Räumen des Ambulatoriums arbeitet das Team der KNP während der Öffnungszeiten in enger Zusammenarbeit mit der Kindernotfallstation, an welche sie angegliedert ist.

Zum Jubiläum lesen sie hier den Bericht eines Pioniers der Kindernotfallpraxis.

 

10 Jahre Kindernotfallpraxis

Dr. Arnold Bächler

Im Laufe der letzten 50 Jahre hat sich die ambulante Versorgung der Kinder in der Ostschweiz grundlegend verändert.

Unter Dr. Paul Nef, dem ersten Chefarzt des Ostschweizer Kinderspitals, galt die Devise: «Im Spital stationäre Behandlungen, ambulante Behandlungen beim Kinderarzt». Das spiegelte sich auch in den baulichen Verhältnissen des Ostschweizer Kinderspitals (OKS): Beim Haupteingang gab es lediglich zwei kleine Räume zur Untersuchung von neu eintretenden Patienten. War ausnahmsweise doch einmal eine ambulante Untersuchung im Spital erforderlich, so erfolgte diese – etwas verstohlen – im Behandlungszimmer einer stationären Abteilung. Die Kinder- und Hausärzten warten mit diesem Regime zufrieden wachten streng darüber, dass sich die Klinik nicht in die ambulante Versorgung einmischte. Die Hauptaufgabe der Praxispädiatrie bestand in der Versorgung akuter Krankheiten. Vor allem in ländlichen Regionen lagen 60 bis 80 Konsultationen pro Praxistag im Rahmen der Norm. Zudem beteiligten sich die Kinderärzte am lokalen Notfalldienst, wo es auch um die ambulante Versorgung der Erwachsenen ging.

Mit dem stetigen Ausbau wichtiger Subspezialitäten wie Neonatologie, Kardiologie, Neuropädiatrie, Onkologie, Endokrinologie/Stoffwechsel und Pneumologie wandelte sich das OKS in der Ära von Prof. Kurt Baerlocher zu einer modernen Kinderklinik. Ambulante Behandlungen in den Spezialsprechstunden wurden damit unumgänglich. Die Zuweisung von Patienten durch niedergelassene Kinderärzte nahm stetig zu und deren Widerstand gegen die ambulanten Angebote der Klinik liess allmählich nach.

Als es darum ging den neuen Bedürfnissen mit dem Bau eines grosszügigen Ambulatorium gerecht zu werden, mahnten die Kantonsvertreter im Stiftungsrat, dies dürfe keinesfalls zu einer Ausweitung von Subventionsbegehren führen, denn im Gegensatz zu den Leistungen im stationären Bereich, die von Krankenkassen und Kantonen gemeinsam getragen würden, gingen ambulante Leistungen auch im Spital voll und ganz zu Lasten der Krankenkasse.

Der Trend weg von der stationären hin zur ambulanten Versorgung hält bis heute an. Dabei spielen neben ökonomischen auch medizinische und gesellschaftliche Faktoren eine wichtige Rolle. Die Lebenswelt der Kinder hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während noch vor einer Generation die familienexterne Kinderbetreuung und die Erwerbstätigkeit beider Eltern eher die Ausnahme waren, sind sie heute die Regel. Im Rahmen dieser Entwicklung fühlen sich viele Eltern verunsichert und erwarten von ihrem Kinderarzt nicht nur medizinischen, sondern auch erzieherischen Rat. Diese neuen Erwartungen haben in der Praxispädiatrie einen Paradigma-Wechsel ausgelöst. Das Primat der Notfallversorgung wich zunehmend dem Angebot von Entwicklungsbegleitung und Erziehungsberatung, was längere Konsultationszeiten erforderlich machte. In einer durchschnittlichen pädiatrischen Praxis waren nun nicht mehr 60–80, sondern nur noch 20-30 tägliche Konsultationen möglich. Dies hat dazu beigetragen, dass sich die pädiatrische Notfallversorgung mehr und mehr von der Praxis zur Klinik zu verschoben hat. Viele Eltern, die wegen einer Erkrankung ihres Kindes beunruhigt sind, geben sich selbst bei banalen gesundheitlichen Problemen nicht mehr mit einer telefonischen Beratung zufrieden, oder warten auf einen Termin bei ihrem Kinderarzt, sondern gelangen direkt an die Notfallstation des Kinderspitals, wo ihnen - auch ohne Voranmeldung - Tag und Nacht die Türen offen stehen. Das führte, vor allem ausserhalb von Praxisöffnungszeiten, zu Spitzenbelastungen auf der Notfallstation.

Mit dem Ziel der Notfallstation des OKS eine Kindernotfallpraxis (KNP) anzugliedern, rief Dr. Guido Baumgartner, der damalige Leiter der Notfallstation, eine Projektgruppe ins Leben, die sich paritätisch aus Vertretern von Klinik und Praxis zusammensetzte. Niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte sollten in diesem Projekt ihre gesetzliche Dienstpflicht innerhalb der KNP unter dem Dach des OKS erfüllen und damit die Notfallstation von Patientenentlasten, die genauso gut in der Praxis behandelt werden könnten.

Obwohl sich dieses Modell an den Kinderkliniken in Baden, Zürich und Luzern bereits gut bewährt hatte, galt es in der Ostschweiz noch einige Hürden zu überwinden. Seitens der praktizierenden Pädiater wurden Bedenken geäussert, dies führe zu einer Verstaatlichung der Medizin und fördere die niederschwellige Beanspruchung von medizinischen Leistungen Von der Spitalleitung war zu hören, dass die KNP ökonomisch gesehen eine Konkurrenz zur Notfallstation darstelle und auch die vorgesehene Honorierung mit einem Fixlohn wurde in Frage gestellt. Einige regionale Ärztevereinigungen befürchteten die Anbindung ihrer Kinderärzte an die KNP führe zu einem personellen Engpass in der lokalen Notfallversorgung.

Weil die Projektgruppe diese Einwände vorhersah, wurde eine einjährige Planungsphase mit monatlichen Sitzungen ins Auge gefasst. Die sorgfältige Klärung der anstehenden rechtlichen, betrieblichen und finanziellen Fragen hat sichergestellt, dass beim Projektstart das Terrain in Klinik und Praxis gut vorbereitet war.

  • Liegt die Mitarbeit in der KNP im freien Ermessen jedes Einzelnen, oder handelt es sich um eine Dienst-Pflicht im Rahmen der Kantonalen Gesetzgebung?
  • Kommt in einem Haftpflichtfall die Versicherung des beteiligten Arztes, oder diejenige des Spitals zum Zuge?
  • Sollen die Tarifansätze der Klinik oder der Praxis zur Anwendung kommen?
  • Sollen die beteiligten Ärzte mit einem Fixlohn, oder mit einer leistungsbezogenen Umsatzbeteiligung honoriert werden?
  • Soll die Untersuchung und Behandlung in der KNP durch Pflegfachfrauen oder durch medizinische Praxisassistentinnen (MPA) unterstützt werden.
  • Soll die KNP täglich, oder nur am Donnerstag-Nachmittag und an den Wochenenden betrieben werden.
  • Wie gross darf das Einzugsgebiet der KNP sein?
  • Müssen auch Hausbesuche angeboten werden?
  • Wie soll die KNP räumlich und materiell ausgestattet werden?

Im Dezember 2010 waren diese Fragen soweit geklärt, dass die KNP den Betrieb aufnehmen konnten. In zwei Räumen der Notfallstation untersuchen seither niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte Patienten mit gesundheitlichen Problemen, die nicht spitalbedürftig sind. Im ersten Betriebsjahr erfolgte der Einsatz der Praxispädiater nur am Donnerstag-Nachmittag und am Wochenende.

KNP in Zahlen

Fallzahlen KNP

2011 2856
2012 3187
2013 3530
2014 4062
2015 4221
2016 4384
2017 4363
2018 4733
2019 4778

 

Mitarbeitende KNP 2020

42 Praxispädiaterinnen und -pädiater
11 Fachärztinnen und -ärzte OKS
5 Kaderärztinnen und -ärzte NF OKS
9 Pflegefachpersonen KNP

 

Die Zahlen belegen, dass die KNP im Verlaufe ihrer zehnjährigen Geschichte eine Institution geworden ist, die aus der ambulanten pädiatrischen Versorgung der Region nicht mehr wegzudenken ist.

Aus heutiger Sicht sind alle anfänglichen Bedenken und Einwände gegenüber der KNP schwer nachvollziehbar. Kolleginnen und Kollegen bestätigen, dass sich die Belastung durch Notfalldienste gut mit ihren übrigen Aufgaben vereinbaren lasse und dass sich eine Konsultation in der KNP als ebenso nachhaltig erweise wie eine Notfallvisite in der eigenen Praxis. Von einer «zunehmenden Verstaatlichung der Medizin» mag heute niemand mehr reden und der Leiter der Notfallstation berichtet, dass er kaum an einem anderen Ort im Spital so dankbaren Eltern begegnet wie in der KNP. Ist das nicht das schönste Geschenk zum 10. Geburtstag der anfänglich umstrittenen Kindernotfall Praxis?

Fabienne Wiesli, Stationsleiterin Tagesklinik 

Meine verschiedenen Aufgaben in der Führungsfunktion fordern mich immer wieder aufs Neue. Ich erfahre jedoch wertvolle Unterstützung von der Pflegedienstleiterin, dem Führungsteam Pflege sowie meiner Stellevertreterin. Es ist mir bewusst, dass mit mir auch ein Generationenwechsel in der Führung stattgefunden hat, ein anderer, neuer und frischer Wind weht über die Tagesklinik. Ich sehe viele Möglichkeiten und Chancen auf der Tagesklinik, ich freue mich darauf diese mit meinem Team zu prüfen, zu entwickeln und umzusetzen.

Den Einblick in die Tagesklinik wagen – Antworten auf (fast) alle Fragen

Wir sind ein bunt durchmischtes Team mit insgesamt acht Dipl. Pflegefachfrauen, einer Fachfrau Gesundheit, einer Auszubildenden sowie einer Praktikantin. Die Dienstzeiten werden flexibel dem täglichen OP-Plan angepasst und dauern maximal 9 ½ Stunden.

Die Mitarbeiterinnen haben sich in den vergangenen Jahren in bestimmten Fachgebieten spezialisiert. Unser Team besteht aus einer Wundexpertin, welche gemeinsam mit dem Team der Wundexpertinnen Verbandwechsel ausführt. Es gibt eine Spezialistin im Fachgebiet Urologie, eine Verantwortliche für die Begleitung und Betreuung der Patienten mit einer MMC sowie zwei Ausbildnerinnen, welche die Auszubildende FaGe in ihrem ersten Ausbildungsjahr im Lernprozess unterstützen. Auf unserer Abteilung mit operativen Eingriffen ist Schmerz ein Schwerpunktthema. Aus diesem Grund startet dieses Jahr eine Pflegefachfrau mit der Weiterbildung zur «Pain-Nurse». Alles zusammen ergibt unserem Team fundiertes Wissen und Erfahrung.

Zum Tagesstart liegt der Schwerpunkt in der Pflege und Betreuung der Patienten, welche für einen chirurgischen Eingriff ambulant eintreten.

Auch der administrative Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Alle Unterlagen für die Eintritte müssen vorbereitet, Transporte für die externen Untersuchungen bestellt, die Patientinnen und Patienten aufgeboten und über die Nüchtern- und Eintrittszeiten informiert werden.

Die Patientinnen und Patienten für externen Untersuchungen werden durch eine dipl. Pflegefachperson begleitet, um die Überwachung der sedierten Patienten zu gewährleisten. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Ärzteteam Chirurgie ist von grosser Bedeutung, welche vom Team sehr geschätzt wird. Wir assistieren beim Gefässzugang und Blasenkatheter legen oder bei der Kryotherapie. Bei der Cystomanometrie sowie beim MCUG helfen wir mit, oder wenn verordnet führen wir Uroflows aus. Auch das Überwachen von Patientinnen und Patienten während einer Hemangiol-Therapie, Instruktions- und Beratungsgespräche gehören zu unserem Aufgabengebiet. Zur Bewältigung der im Verlauf der Jahre angestiegenen Wundsprechstunden, führen wir in Zusammenarbeit mit den Wundexpertinnen täglich verschiedene Verbandswechsel durch. Dabei geht es uns in der Pflege hauptsächlich darum, die Patientinnen und Patienten sowie auch ihre Angehörigen in all den Handlungen und Untersuchungen optimal zu begleiten und zu unterstützen, sie nach den Operationen sicher zu überwachen und sie mit einem guten Gefühl nach Hause zu entlassen.

Nach diesem abwechslungsreichen und fordernden Tag, geniessen wir den Feierabend, laden unser Batterien auf und sind am nächsten Morgen wieder bereit für neue Herausforderungen.

Ein vielfältiges interessantes Aufgabengebiet, das einiges an Wissen, Kompetenz und Flexibilität erfordert, eben – viel mehr als einfach nur ein paar geplante Operationen!

Das waren hoffentlich die Antworten auf alle Fragen!