Vertiefungstexte aus dem Fokus

Seit 2021 erscheint die Hauszeitung «Fokus» in der neuen Form. Sie finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zur entsprechenden Ausgabe.

Fokus 2021-1

Mirjam Wirthgen, Pflegefachfrau HF / Kindernotfallpraxis 

Vor 10 Jahren wurde die Kindernotfallpraxis (KNP) als Kooperation zwischen dem OKS und den umliegenden Praxispädiatern ins Leben gerufen. Das Spektrum der Krankheitsbilder in der Kindernotfallpraxis ist breit. Dazu gehören Kinder mit Fieber, Säuglinge mit Bauchweh, Hautausschläge jeglicher Farbe und Form, Schnupfen, Husten, kleine Rissquetschwunden.

Das Einzugsgebiet ist riesig. Aus der Bodenseeregion, aus dem Rheintal, dem Toggenburg, dem Appenzellerland, dem Fürstentum Lichtenstein, dem Fürstenland und sogar vom Obersee finden die besorgten Eltern den Weg in die Kindernotfallpraxis. Unter der Nummer 0900 144 100 gehen sämtliche Anrufer, die eine Beratung zur Dringlichkeit eines Arztbesuches wünschen, ein. Die Kindernotfallpraxis ist der Interdisziplinären Kindernotfallstation des Ostschweizer Kinderspitals angegliedert und arbeitet eng mit derselben zusammen.

Über 50 erfahrene Kinderärztinnen und -ärzte aus dem Einzugsgebiet behandeln die kleinen und grossen Patientinnen und Patienten kompetent und zeitnah.

«Melden Sie sich bei der Giraffe», so werden die Eltern mit den Patientinnen und Patienten angewiesen, den Weg in die Kindernotfallpraxis zu finden. In drei Räumen des Ambulatoriums arbeitet das Team der KNP während der Öffnungszeiten in enger Zusammenarbeit mit der Kindernotfallstation, an welche sie angegliedert ist.

Zum Jubiläum lesen sie hier den Bericht eines Pioniers der Kindernotfallpraxis.

 

10 Jahre Kindernotfallpraxis

Dr. Arnold Bächler

Im Laufe der letzten 50 Jahre hat sich die ambulante Versorgung der Kinder in der Ostschweiz grundlegend verändert.

Unter Dr. Paul Nef, dem ersten Chefarzt des Ostschweizer Kinderspitals, galt die Devise: «Im Spital stationäre Behandlungen, ambulante Behandlungen beim Kinderarzt». Das spiegelte sich auch in den baulichen Verhältnissen des Ostschweizer Kinderspitals (OKS): Beim Haupteingang gab es lediglich zwei kleine Räume zur Untersuchung von neu eintretenden Patienten. War ausnahmsweise doch einmal eine ambulante Untersuchung im Spital erforderlich, so erfolgte diese – etwas verstohlen – im Behandlungszimmer einer stationären Abteilung. Die Kinder- und Hausärzten warten mit diesem Regime zufrieden wachten streng darüber, dass sich die Klinik nicht in die ambulante Versorgung einmischte. Die Hauptaufgabe der Praxispädiatrie bestand in der Versorgung akuter Krankheiten. Vor allem in ländlichen Regionen lagen 60 bis 80 Konsultationen pro Praxistag im Rahmen der Norm. Zudem beteiligten sich die Kinderärzte am lokalen Notfalldienst, wo es auch um die ambulante Versorgung der Erwachsenen ging.

Mit dem stetigen Ausbau wichtiger Subspezialitäten wie Neonatologie, Kardiologie, Neuropädiatrie, Onkologie, Endokrinologie/Stoffwechsel und Pneumologie wandelte sich das OKS in der Ära von Prof. Kurt Baerlocher zu einer modernen Kinderklinik. Ambulante Behandlungen in den Spezialsprechstunden wurden damit unumgänglich. Die Zuweisung von Patienten durch niedergelassene Kinderärzte nahm stetig zu und deren Widerstand gegen die ambulanten Angebote der Klinik liess allmählich nach.

Als es darum ging den neuen Bedürfnissen mit dem Bau eines grosszügigen Ambulatorium gerecht zu werden, mahnten die Kantonsvertreter im Stiftungsrat, dies dürfe keinesfalls zu einer Ausweitung von Subventionsbegehren führen, denn im Gegensatz zu den Leistungen im stationären Bereich, die von Krankenkassen und Kantonen gemeinsam getragen würden, gingen ambulante Leistungen auch im Spital voll und ganz zu Lasten der Krankenkasse.

Der Trend weg von der stationären hin zur ambulanten Versorgung hält bis heute an. Dabei spielen neben ökonomischen auch medizinische und gesellschaftliche Faktoren eine wichtige Rolle. Die Lebenswelt der Kinder hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während noch vor einer Generation die familienexterne Kinderbetreuung und die Erwerbstätigkeit beider Eltern eher die Ausnahme waren, sind sie heute die Regel. Im Rahmen dieser Entwicklung fühlen sich viele Eltern verunsichert und erwarten von ihrem Kinderarzt nicht nur medizinischen, sondern auch erzieherischen Rat. Diese neuen Erwartungen haben in der Praxispädiatrie einen Paradigma-Wechsel ausgelöst. Das Primat der Notfallversorgung wich zunehmend dem Angebot von Entwicklungsbegleitung und Erziehungsberatung, was längere Konsultationszeiten erforderlich machte. In einer durchschnittlichen pädiatrischen Praxis waren nun nicht mehr 60–80, sondern nur noch 20-30 tägliche Konsultationen möglich. Dies hat dazu beigetragen, dass sich die pädiatrische Notfallversorgung mehr und mehr von der Praxis zur Klinik zu verschoben hat. Viele Eltern, die wegen einer Erkrankung ihres Kindes beunruhigt sind, geben sich selbst bei banalen gesundheitlichen Problemen nicht mehr mit einer telefonischen Beratung zufrieden, oder warten auf einen Termin bei ihrem Kinderarzt, sondern gelangen direkt an die Notfallstation des Kinderspitals, wo ihnen - auch ohne Voranmeldung - Tag und Nacht die Türen offen stehen. Das führte, vor allem ausserhalb von Praxisöffnungszeiten, zu Spitzenbelastungen auf der Notfallstation.

Mit dem Ziel der Notfallstation des OKS eine Kindernotfallpraxis (KNP) anzugliedern, rief Dr. Guido Baumgartner, der damalige Leiter der Notfallstation, eine Projektgruppe ins Leben, die sich paritätisch aus Vertretern von Klinik und Praxis zusammensetzte. Niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte sollten in diesem Projekt ihre gesetzliche Dienstpflicht innerhalb der KNP unter dem Dach des OKS erfüllen und damit die Notfallstation von Patientenentlasten, die genauso gut in der Praxis behandelt werden könnten.

Obwohl sich dieses Modell an den Kinderkliniken in Baden, Zürich und Luzern bereits gut bewährt hatte, galt es in der Ostschweiz noch einige Hürden zu überwinden. Seitens der praktizierenden Pädiater wurden Bedenken geäussert, dies führe zu einer Verstaatlichung der Medizin und fördere die niederschwellige Beanspruchung von medizinischen Leistungen Von der Spitalleitung war zu hören, dass die KNP ökonomisch gesehen eine Konkurrenz zur Notfallstation darstelle und auch die vorgesehene Honorierung mit einem Fixlohn wurde in Frage gestellt. Einige regionale Ärztevereinigungen befürchteten die Anbindung ihrer Kinderärzte an die KNP führe zu einem personellen Engpass in der lokalen Notfallversorgung.

Weil die Projektgruppe diese Einwände vorhersah, wurde eine einjährige Planungsphase mit monatlichen Sitzungen ins Auge gefasst. Die sorgfältige Klärung der anstehenden rechtlichen, betrieblichen und finanziellen Fragen hat sichergestellt, dass beim Projektstart das Terrain in Klinik und Praxis gut vorbereitet war.

  • Liegt die Mitarbeit in der KNP im freien Ermessen jedes Einzelnen, oder handelt es sich um eine Dienst-Pflicht im Rahmen der Kantonalen Gesetzgebung?
  • Kommt in einem Haftpflichtfall die Versicherung des beteiligten Arztes, oder diejenige des Spitals zum Zuge?
  • Sollen die Tarifansätze der Klinik oder der Praxis zur Anwendung kommen?
  • Sollen die beteiligten Ärzte mit einem Fixlohn, oder mit einer leistungsbezogenen Umsatzbeteiligung honoriert werden?
  • Soll die Untersuchung und Behandlung in der KNP durch Pflegfachfrauen oder durch medizinische Praxisassistentinnen (MPA) unterstützt werden.
  • Soll die KNP täglich, oder nur am Donnerstag-Nachmittag und an den Wochenenden betrieben werden.
  • Wie gross darf das Einzugsgebiet der KNP sein?
  • Müssen auch Hausbesuche angeboten werden?
  • Wie soll die KNP räumlich und materiell ausgestattet werden?

Im Dezember 2010 waren diese Fragen soweit geklärt, dass die KNP den Betrieb aufnehmen konnten. In zwei Räumen der Notfallstation untersuchen seither niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte Patienten mit gesundheitlichen Problemen, die nicht spitalbedürftig sind. Im ersten Betriebsjahr erfolgte der Einsatz der Praxispädiater nur am Donnerstag-Nachmittag und am Wochenende.

KNP in Zahlen

Fallzahlen KNP

2011 2856
2012 3187
2013 3530
2014 4062
2015 4221
2016 4384
2017 4363
2018 4733
2019 4778

 

Mitarbeitende KNP 2020

42 Praxispädiaterinnen und -pädiater
11 Fachärztinnen und -ärzte OKS
5 Kaderärztinnen und -ärzte NF OKS
9 Pflegefachpersonen KNP

 

Die Zahlen belegen, dass die KNP im Verlaufe ihrer zehnjährigen Geschichte eine Institution geworden ist, die aus der ambulanten pädiatrischen Versorgung der Region nicht mehr wegzudenken ist.

Aus heutiger Sicht sind alle anfänglichen Bedenken und Einwände gegenüber der KNP schwer nachvollziehbar. Kolleginnen und Kollegen bestätigen, dass sich die Belastung durch Notfalldienste gut mit ihren übrigen Aufgaben vereinbaren lasse und dass sich eine Konsultation in der KNP als ebenso nachhaltig erweise wie eine Notfallvisite in der eigenen Praxis. Von einer «zunehmenden Verstaatlichung der Medizin» mag heute niemand mehr reden und der Leiter der Notfallstation berichtet, dass er kaum an einem anderen Ort im Spital so dankbaren Eltern begegnet wie in der KNP. Ist das nicht das schönste Geschenk zum 10. Geburtstag der anfänglich umstrittenen Kindernotfall Praxis?

Fabienne Wiesli, Stationsleiterin Tagesklinik 

Meine verschiedenen Aufgaben in der Führungsfunktion fordern mich immer wieder aufs Neue. Ich erfahre jedoch wertvolle Unterstützung von der Pflegedienstleiterin, dem Führungsteam Pflege sowie meiner Stellevertreterin. Es ist mir bewusst, dass mit mir auch ein Generationenwechsel in der Führung stattgefunden hat, ein anderer, neuer und frischer Wind weht über die Tagesklinik. Ich sehe viele Möglichkeiten und Chancen auf der Tagesklinik, ich freue mich darauf diese mit meinem Team zu prüfen, zu entwickeln und umzusetzen.

Den Einblick in die Tagesklinik wagen – Antworten auf (fast) alle Fragen

Wir sind ein bunt durchmischtes Team mit insgesamt acht Dipl. Pflegefachfrauen, einer Fachfrau Gesundheit, einer Auszubildenden sowie einer Praktikantin. Die Dienstzeiten werden flexibel dem täglichen OP-Plan angepasst und dauern maximal 9 ½ Stunden.

Die Mitarbeiterinnen haben sich in den vergangenen Jahren in bestimmten Fachgebieten spezialisiert. Unser Team besteht aus einer Wundexpertin, welche gemeinsam mit dem Team der Wundexpertinnen Verbandwechsel ausführt. Es gibt eine Spezialistin im Fachgebiet Urologie, eine Verantwortliche für die Begleitung und Betreuung der Patienten mit einer MMC sowie zwei Ausbildnerinnen, welche die Auszubildende FaGe in ihrem ersten Ausbildungsjahr im Lernprozess unterstützen. Auf unserer Abteilung mit operativen Eingriffen ist Schmerz ein Schwerpunktthema. Aus diesem Grund startet dieses Jahr eine Pflegefachfrau mit der Weiterbildung zur «Pain-Nurse». Alles zusammen ergibt unserem Team fundiertes Wissen und Erfahrung.

Zum Tagesstart liegt der Schwerpunkt in der Pflege und Betreuung der Patienten, welche für einen chirurgischen Eingriff ambulant eintreten.

Auch der administrative Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Alle Unterlagen für die Eintritte müssen vorbereitet, Transporte für die externen Untersuchungen bestellt, die Patientinnen und Patienten aufgeboten und über die Nüchtern- und Eintrittszeiten informiert werden.

Die Patientinnen und Patienten für externen Untersuchungen werden durch eine dipl. Pflegefachperson begleitet, um die Überwachung der sedierten Patienten zu gewährleisten. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Ärzteteam Chirurgie ist von grosser Bedeutung, welche vom Team sehr geschätzt wird. Wir assistieren beim Gefässzugang und Blasenkatheter legen oder bei der Kryotherapie. Bei der Cystomanometrie sowie beim MCUG helfen wir mit, oder wenn verordnet führen wir Uroflows aus. Auch das Überwachen von Patientinnen und Patienten während einer Hemangiol-Therapie, Instruktions- und Beratungsgespräche gehören zu unserem Aufgabengebiet. Zur Bewältigung der im Verlauf der Jahre angestiegenen Wundsprechstunden, führen wir in Zusammenarbeit mit den Wundexpertinnen täglich verschiedene Verbandswechsel durch. Dabei geht es uns in der Pflege hauptsächlich darum, die Patientinnen und Patienten sowie auch ihre Angehörigen in all den Handlungen und Untersuchungen optimal zu begleiten und zu unterstützen, sie nach den Operationen sicher zu überwachen und sie mit einem guten Gefühl nach Hause zu entlassen.

Nach diesem abwechslungsreichen und fordernden Tag, geniessen wir den Feierabend, laden unser Batterien auf und sind am nächsten Morgen wieder bereit für neue Herausforderungen.

Ein vielfältiges interessantes Aufgabengebiet, das einiges an Wissen, Kompetenz und Flexibilität erfordert, eben – viel mehr als einfach nur ein paar geplante Operationen!

Das waren hoffentlich die Antworten auf alle Fragen!